Schneller, höher, weiter - oder doch nicht?

Schneller, höher, weiter...sind die Menschen dafür gemacht, auf Dauer in einer solchen Arbeitswelt zu bestehen und dabei glücklich und gesund zu bleiben? Nein. Manche Menschen ackern sich durch's Hamsterrad, andere können irgendwann nicht mehr und Körper und Seele fangen an zu streiken.

 

In unserer Welt der ständigen digitalen Erreichbarkeit und umgeben von hunderttausenden von Möglichkeiten und Informationen, gehört es für viele zum sozialen Druck, mitrennen zu müssen. Aber wem tut das eigentlich gut? Mir selber? Nein!   Meiner Familie und meinen Freunden? Nein! Sie wollen, dass ich mit Gedanken bei ihnen bin, wenn wir zusammen sind. Dem Kunden? Nein, denn ein Kunde möchte, dass ich mir Zeit für ihn nehme und gut durchdenke, was ich tue. Arbeitgeber? Jetzt kann man spontan denken: Ja, Arbeitgeber wollen genau solche immer aktive und erreichbare Mitarbeiter. Aber diese Denke kann sich als Bumerang erweisen. Denn was nützt einem Unternehmen ein Arbeitnehmer, der zwar immer erreichbar ist, aber seine Energie und seine guten Ideen langsam versiegen, weil die Quelle eintrocknet und Ruhephasen fehlen, damit sie wieder aufgefüllt werden kann. Die einzige Rolle, in der unser Verhalten jemanden nützt, ist die des Konsumenten. Denn der Industrie nutzen wir damit perfekt, schließlich suggeriert sie uns tagein tagaus, was wir alles brauchen und tun sollen, um hip und glücklich zu sein.

Sind wir so leicht beeinflussbar? Warum also rennen wir, anstatt dieser altbekannter Weisheit "In der Ruhe liegt die Kraft" zu folgen?

 

Wir leben in gelernten Mustern. Seit der Industrialisierung geht es um das eingangs erwähnte "Höher, schneller, weiter". Durch die Globalisierung und auch durch die Möglichkeiten des Internets und der Digitalisierung hat sich diese Entwicklung noch einmal rasant beschleunigt. Es gehört zum guten Ton und zur gesellschaftlichen Norm, dass wir einem in der Werbung schön gemalten Bild von der eierlegenden Wollmilchsau im Körper eines Models, mit einer glücklichen Familie vor einem stattlichen Einfamilienhaus mit zwei Autos und immer dem neuesten Smartphone stehen. Wir wollen dem Bild des Erfolges entsprechen. Wir wollen die Anerkennung von Freunden und vom Arbeitgeber. Und da hakt es: Denn wir bekommen die Anerkennung oft noch für besonders viele Überstunden, für Aufopferung, für ein besonders ausbeutendes Verhalten uns selbst gegenüber. Also für vermeintliche Werte, die aber dem Individuum und irgendwann auch der Gesellschaft auf Dauer schaden.

 

Der erste Schritt ist bei sich persönlich anzufangen und Verantwortung zu übernehmen. Für sich und sein Leben. Denn wie heißt es so schön: Wir haben nur eine Gesundheit. Ja, und wir haben auch nur ein Leben. Also wie wollen wir es verbringen? In einer Übung, die ich in meinen Coachings mache, geht es darum, eine Rede zu formulieren, die ein mir naher Mensch an meinem 90sten Geburtstag über mich hält. Ganz ehrlich - ich habe noch niemanden erlebt, der hören möchte "Sie hat sich immer für andere aufgeopfert". Oder "Er hat fast nur gearbeitet und hatte keine Zeit, auf einer Wiese zu liegen und in den Himmel zu schauen, schöne Reisen zu machen, Bücher zu lesen, zu lachen und mit den Kindern zu spielen."

 

Machen wir uns nichts vor: Es gibt Jobs, in denen ist man im System gefangen und solange sich das System nicht ändert, kann der einzelne wenig verändern, wie beispielsweise im hiesigen Gesundheitssystem, vor allem in den Krankenhäusern und in der Altenpflege. Deshalb muss gerade in solchen Bereichen das Ziel sein, die Mitarbeiter als das zu erkennen, was sie sind und sie auch so zu behandeln: Das Wertvollste des Unternehmens - persönlich und betriebswirtschaftlich gesehen.

Das machen uns - wie in manch anderem Bereich auch - die skandinavischen Länder vor: Der Mensch und seine Bedürfnisse wird wesentlich besser geschützt in seinem Arbeitsumfeld. Überstunden, hierachische Strukturen und Ungleichbehandlungen sind im Vergleich zu Deutschland selten. Nicht ohne Grund sind Norwegen und Schweden so beliebt bei deutschen Ärzten und Krankenschwestern. (siehe auch dieser Artikel im Spiegel http://www.spiegel.de/karriere/ausland/aerzte-paradies-schweden-feierabend-um-halb-sechs-a-812534.html)

Warum fehlen denn inzwischen so viele Mediziner in den deutschen Krankenhäusern? Warum sehen viele Ärzte zu, dass sie nach ihrer Facharztausbildung möglichst schnell raus aus dem Krankenhaus und rein in eine Praxis kommen?

Und was ist mit der Wertschätzung für die Arbeit der Altenpflegekräfte? Wie toll ist es, wenn man auch im Alter in seinem gewohnten häuslichen Umfeld bleiben kann und dort gut versorgt wird? Wer will das nicht? Und wir werden schließlich alle alt werden.

Hier ist die Politik gefragt, um Strukturen zu schaffen, die Menschen nicht mehr wie genau taktbare Maschinen behandelt (übrigens auch die Patienten nicht) und Organisationen, die ein Arbeitsumfeld entwickeln, in dem es wieder Zeit zum Menschsein gibt.

 

Wer in einem Bereich arbeitet, in dem er selbstbestimmter agieren kann, der hat mehr Freiräume, um sich diesem Beschleunigungsdruck zu entziehen. Hier sind es meist die vermeintlichen Anforderungen von außen und das über Jahre gelernte Verhalten, das einen ausbremst. Ich habe oft festgestellt, dass Menschen nur meinen, dass ein Kunde eine Auftragsabwicklung bis übermorgen erwartet. Es geht uns doch selber auch so. Vergleichen wir doch einmal folgende Situation: Ich will einen Gärtner engagieren, um einen Zaun zu bauen und der ruft schon einmal gar nicht zurück, weil er keine Zeit hat, dann bin ich das erste Mal genervt. Dann erreiche ich ihn endlich irgendwo auf dem Handy zwischen Tür und Geranie und er hetzt nach Feierabend eben vorbei, um einen Kostenvoranschlag zu machen, den er mir aber gar nicht schriftlich machen will, weil das so umständlich ist. Er kündigt mir den Bau des Zaunes für nächsten Dienstag an und ruft Montagabend um 21 Uhr wieder an, weil er es Dienstag doch nicht schafft, aber Mittwoch bestimmt. Kommt dann Mittwoch, schafft aber nur die Hälfte, will sich melden, wann er den Rest machen kann, was dann erst nach einer Woche was wird und auch erst, als ich wieder nachhake.

Zweite Variante: Ich rufe bei einem Gärtner an, spreche auf den Anrufbeantworter. Er ruft mich am frühen Abend in Ruhe zurück, bedankt sich für die Anfrage, fragt nach meinen Wünschen und schlägt einen kostenlosen Beratungstermin vor Ort in einer Woche vor. Er kommt pünktlich, ist vorbereitet und wir begehen das Gelände. Er sagt mir, dass ich so in drei Tagen einen Kostenvoranschlag auf dem Tisch habe und ich bekomme ihn pünktlich und ohne Rechtschreibfehler. Er ruft mich an, ob ich damit einverstanden bin und wir machen einen Termin in zwei Wochen aus. Er kommt, setzt den Zaun und fertig.

Und - welchem Gärtner würde man den Auftrag lieber geben? Letztendlich warte ich doch lieber länger und habe dafür ein gutes Gefühl und ein ebensolches Ergebnis, als etwas vermeintlich schnell zu bekommen und es dann nur dahingepfuscht.

 

Es nutzt also nicht nur dem eigenen Wohlbefinden und der eigenen Lebens- und Arbeitsqualität, wenn alles einen Gang heruntergeschaltet wird. Es kann sogar zu einem Vorteil, wenn nicht sogar, zu dem entscheidenden i-Tüpfelchen gegenüber anderen Wettbewerbern werden. Ein durchdachtes und professionelles Handeln funktioniert selten in Eile und so gilt insbesondere für den Erfolg des eigenen Unternehmens: In der Ruhe liegt die Kraft.

 

Maike Kristina Harich